

Zusammenhänge bei Herausforderungen rund um Wasser, Boden und Umwelt aufzeigen, um eine verlässliche Grundlage für Lösungen zu schaffen – das ist der Kern der Forschung am TUHH-Institut für Geo-Hydroinformatik. Institutsleiter Prof. Nima Shokri, ein international anerkannter Experte für Umweltfragen, ist auch ein gefragter Gesprächspartner zu Umweltentwicklungen in Iran






Staub, den der Wind aus der Sahara fortträgt, macht nicht an der nächsten Grenze halt. Ein Fluss durchfließt oft mehrere Länder, und wenn sein Wasser an einer Stelle verunreinigt wird, nimmt er die Verschmutzung mit in die Nachbarstaaten.
„Umweltthemen sind von ihrem Wesen her immer grenzüberschreitend“, sagt Nima Shokri, Professor und Leiter des Instituts für Geo-Hydroinformatik an der Technischen Universität Hamburg. Darum geht es bei seiner Forschung im Kern immer um globale Zusammenhänge: Alles steht miteinander in Verbindung. „Und egal, ob es uns gefällt oder nicht: Globale Herausforderungen können wir nur lösen, wenn wir zusammenarbeiten – über alle Arten von Grenzen hinweg.“ Mit verlässlichen Daten die Grundlage für solche gemeinsamen Lösungen zu schaffen, ist das Ziel der Arbeit von Nima Shokri und seinem Team.
„Wir beschäftigen uns am Institut mit Herausforderungen rund um Wasser, Boden und Umwelt“, erklärt Shokri. „Um diesen globalen Herausforderungen zu begegnen, nutzen wir eine große Bandbreite an Tools und Techniken wie künstliche Intelligenz, satellitengestützte Fernerkennung, Umwelt-Sensortechnologien, Big Data, Analytik und Informatik.“ Wichtige Themen sind zum Beispiel Bodengesundheit, Sandstürme oder die Verfügbarkeit von Wasser in Reservoirs und Flüssen. „Vieles davon betrifft die Menschen ganz unmittelbar. Sagen wir, Autofahrer in Wien wachen morgens auf und finden Saharastaub aus Nordafrika auf ihrem Wagen. Dann wollen die Leute verstehen, wie es dazu gekommen ist.“
Ein anderes, gravierenderes Beispiel für die Relevanz seiner Erforschung der Böden ist das Thema Bodensenkung, also das allmähliche oder plötzliche Absenken der Bodenoberfläche: „Wenn man plötzlich ein großes Loch im Boden sieht, fragt man sich, wo das herkommt und warum. Welche Parameter spielen hier eine Rolle, vom Klima über Umweltfaktoren bis hin zu politischen Entscheidungen? Wenn solche Bodensenkungen unter Bahnschienen, Kraftwerken, Wohnhäusern, Krankenhäusern oder Schulen auftreten, sind Menschen unmittelbar in Gefahr.“
Kürzlich hat Shokri einen viel beachteten Artikel veröffentlicht, der anschaulich zeigt, wie Ereignisse in einem Teil der Welt überraschende Auswirkungen auf einen ganz anderen haben können. In diesem Fall ging es ihm und seiner Co-Autorin Dr. Salome Shokri-Kuehni um Auswirkungen der Blockade der Straße von Hormus am Persischen Golf auf ein weit entferntes und neutrales Land wie die Schweiz. „Wenn maritime Routen unterbrochen werden, wie es derzeit geschieht, kommt der Schiffsverkehr dennoch nicht zum Stillstand. Er passt sich an. Tanker nehmen längere Routen, und die Treibstoffeffizienz sinkt“, schreiben die beiden Autoren. Als Ergebnis steigen die Emissionen von Rußpartikeln wie Black Carbon an. Diese Partikel können enorme Distanzen zurücklegen und sich zum Beispiel auf Schnee und Eis in den Schweizer Alpen ablagern. Dadurch nimmt die Reflexionsfähigkeit des Schnees ab und erhöht die Wärmeaufnahme – die Folge: Eis und Schnee schmelzen schneller. „In den Schweizer Alpen, wo die Gletscher bereits unter Druck stehen, können selbst kleine Zunahmen messbare Auswirkungen haben. Daher kann das, was als logistische Anpassung im globalen Schiffsverkehr begonnen hat, letztlich den physischen Zustand entfernter Gebirgssysteme verändern“, heißt es im Text. Innerhalb weniger Tage ist der Artikel rund 150.000 Mal gelesen worden.
Eins der großen Themen von Nima Shokris Forschung ist die Bodenversalzung: Dazu wird er künftig das im Rahmen des EU-Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon Europe mit sechs Millionen Euro geförderte Projekt SaliNova leiten. Dessen Ziel ist es, moderne Instrumente zur Überwachung, Vorhersage und Minderung von Bodenversalzung in Europa zu entwickeln. An diesem Ziel arbeiten 19 Partner aus zwölf Ländern. „Bodenversalzung bleibt eine der unterschätztesten Bedrohungen für Bodengesundheit, Ernährungssicherheit, Artenvielfalt und Klimaresilienz“, sagt Shokri. „Obwohl das Projekt auf die Europäische Union ausgerichtet ist, werden die im Rahmen von SaliNova entwickelten Methoden, Tools und Erkenntnisse weit über Europa hinaus von Bedeutung sein – insbesondere für Regionen, die bereits von Bodenversalzung und klimatischen Belastungen betroffen sind.“
Seit Israel und die USA Ende März zum ersten Mal iranische Raketen- und Militäranlagen angegriffen haben, interessieren sich internationale Medien von „Spiegel“ und „Guardian“ bis zu „ABC News“ und der „New York Times“ verstärkt für Nima Shokris Expertise zu Themen, die Iran betreffen. „Dabei beschäftigen sich von den rund 120 Papers, die ich bisher veröffentlicht habe, nur zwei speziell mit Iran“, ordnet er ein. „Aber natürlich leidet Iran unter vielen Umweltproblemen, zu denen wir forschen, wie Bodenversalzung, Sandstürmen, Wasserknappheit, Bodensenkung und Luftverschmutzung.“ Dazu kommt, dass Nima Shokri in Iran geboren und aufgewachsen ist. „Dadurch verstehe ich ganz gut, wie das System, die Gesellschaft und die Kultur dort funktionieren. Darum liegt es für Medien offenbar häufig nahe, sich bei Themen, die Iran betreffen, an mich zu wenden.“
Er habe nie als Iran-Experte in den Medien auftauchen wollen, betont er. Doch vor einigen Monaten konnte er nicht mehr anders, als sich in Bezug auf einige Themen im Zusammenhang mit der Umwelt in Iran stärker zu Wort zu melden. „Ich fand manche Narrative, denen ich in der Presse begegnet bin, unpräzise. Ich habe mich verantwortlich gefühlt, meine Sicht der Dinge in die Diskussion einzubringen.“
Zu oft habe er gelesen, dass die massive Wasserknappheit in Iran eine Folge des Klimawandels sei, gepaart mit „Missmanagement“. „Aber meiner Meinung nach ist das einfach nicht richtig“, betont Nima Shokri. „Natürlich spielt der Klimawandel eine Rolle. Wo kein Niederschlag, da kein Wasser, das weiß jedes Kind.“ Aber ein Begriff wie Missmanagement sei zu schwach für das, was in Iran passiert. „Die iranische Regierung hat eine Strategie. Und diese Strategie trägt entscheidend zum aktuellen Zustand des Landes bei.“ Das Land habe sich vom Rest der Welt isoliert und jetzt keine andere Wahl mehr, als zu versuchen, allein zu überleben. Dieser Agenda müsse sich alles unterordnen, auch die Umwelt falle ihr zum Opfer. Das Land werde ausgebeutet, um Iran bei der Nahrungsmittelproduktion von anderen Staaten unabhängig zu machen. Oder vereinfacht gesagt: Die massiven Umweltprobleme des Landes sind in erster Linie eine Folge von Entscheidungen und Prioritäten seitens der Politik, sagt Nima Shokri.
Im März haben Shokri und weitere Autoren dazu einen Artikel in „Nature Sustainability“ veröffentlicht mit dem unmissverständlichen Titel „Iran’s policy priorities intensify water crisis“, also: „Irans politische Prioritäten verschärfen die Wasserkrise“. In dem Artikel findet sich unter anderem eine Karte mit Seen, Feuchtgebieten und Flüssen in Iran, die im Verlauf der letzten dreißig Jahre ganz oder fast vollständig ausgetrocknet sind. Satellitenbilder von 1995 und 2025 belegen die fatale Entwicklung.
„Ich äußere mich gegenüber Medien und Öffentlichkeit zu Umweltfragen weltweit – einschließlich solcher direkt vor unserer Haustür“, erklärt Nima Shokri. „Zum Beispiel hat mich das Hamburger Abendblatt mal zur Versalzung der Böden im Alten Land und der Gefahr für den Apfelanbau interviewt.“ Als er 2024 die erste Karte zu Gebieten veröffentlichte, die weltweit von Bodensenkung betroffen sind (und mit ihnen fast zwei Milliarden Menschen, die in diesen Gebieten leben), zitierten internationale Medien wie „Washington Post“, „Forbes“ und die „Financial Times“ aus dieser Arbeit.
Aber egal, ob im Alten Land, in Iran oder in Nordafrika: Dass alles miteinander verbunden ist, gilt überall. Nima Shokri bekräftigt: „Irgendwo wird etwas angestoßen, und das verändert ganz viel an ganz vielen Orten. Tausende von Kräften arbeiten zusammen. Darum ist es immer komplex, nie einfach.“ In einer Zeit, in der die Menschen häufig vor Komplexität zurückschrecken und sich einfache Antworten wünschen, findet er es darum nicht immer einfach, komplizierte Zusammenhänge zu vermitteln. Wenn er sich etwas wünschen dürfte: wäre es eine größere Bereitschaft in der Öffentlichkeit, sich mit Zusammenhängen zu beschäftigen und zu akzeptieren, dass viele Probleme nur gemeinsam gelöst werden können?
„Kooperation ist wichtig, keine Frage“, kommt nach einiger Bedenkzeit als Antwort. „Aber vor allem würde ich gern in einer Welt leben, in der die Menschen besser informiert sind.“ Das fängt für ihn mit guten Lehrplänen in Schulen an und geht bis zu Regierungen, die ihr Volk offen und ehrlich über das, was sie tun, informieren. „Die Wahrheit sagen! Auf Wahrheit folgt Verständnis, füreinander und für Zusammenhänge, und aus Verständnis entsteht Zusammenarbeit.“ Das, sagt Nima Shokri, „ist mein Traum“.